Abstract :
[de] Mädchen zeigen durchschnittlich bessere schulische Leistungen als Jungen. Dieser Befund zeigt sich konsistent über Länder, Jahrzehnte und Altersstufen hinweg (Voyer & Voyer, 2014). Die Erkundung der Ursachen für diesen Geschlechtereffekt gewinnt an Spannung und Bedeutung u.a. dadurch, dass sich der Vorteil der Mädchen nicht gleichermaßen in standardisierten Testverfahren widerspiegelt und verschiedene Erklärungsansätze mit unterschiedlichen Implikationen verbunden sind.
In unserem Beitrag argumentieren wir, dass bisherige psychologische Ansätze, die den Geschlechtereffekt auf Unterschiede in Selbstregulationskompetenzen zurückführen (Duckworth & Seligman, 2006), einem „Fleiß-Irrtum“ unterliegen. Dieser besteht darin, die Umsetzung bestimmter schulischer Vorgaben (z.B. regelmäßiges Hausaufgabenmachen) unkritisch als sogenannte non-kognitive Fähigkeiten zu deuten und deren Bedeutung für den Aufbau fachlicher Kompetenzen zu überschätzen. Grund dafür ist, dass Noten nicht nur fachliches Können widerspiegeln, sondern auch inwiefern sich SchülerInnen aus Sicht der Lehrkräfte angemessen verhalten (Allen, 2010).
Alternativ schlagen wir deshalb vor, den Geschlechtereffekt als Effekt des Schulsystems zu verstehen. Dieser Systemeffekt besteht darin, dass Lehrkräfte innerhalb traditioneller schulischer Organisations- und Belohnungsstrukturen eher „brave“ Mädchen wohlwollender benoten als „rebellische“ Jungen, weil stereotyp weibliches Verhalten ihre Arbeit erleichtert und die herkömmliche „Grammatik der Schule“ (Tyack & Tobin, 1994) rechtfertigt. Das Ausmaß an Über- bzw. Unterschätzung zwischen Noten und standardisierten Testleistungen sollte wiederum mit solchen Verhaltensweisen einhergehen, die von Lehrkräften geschätzt werden.
Diese Überlegungen haben wir mit Hilfe repräsentativer Daten luxemburgischer 9. KlässlerInnen (N ≈ 5000) überprüft. Die Ergebnisse bestätigen unsere Annahmen im Hinblick auf deren Noten und standardisierte Testleistungen in Deutsch, Französisch und Mathematik. Relativiert an ihren Kompetenzen werden Mädchen im Vergleich zu Jungen fachübergreifend wohlwollender benotet. Die Residuen zwischen Noten und Testleistungen hängen wiederum mit der Gewissenhaftigkeit der SchülerInnen zusammen, als Maß angemessenen Verhaltens: je gewissenhafter (z.B. „Ich bin fleißig“), umso größer die Überschätzung durch Noten. Zudem berichten Mädchen gegenüber Jungen mehr Schulängstlichkeit.
Letzterer Befund ist bemerkenswert, da er andeutet, dass das, was typischerweise als Selbstregulation interpretiert wird, von den SchülerInnen als Fremdbestimmung erlebt werden könnte. In der Gesamtbetrachtung kommen wir daher zu dem Schluss, dass der dem Bildungssystem inhärente Fleiß-Irrtum beide Geschlechter benachteiligt. Aufgrund der Selektionsfunktion von Noten werden die Bildungschancen von Jungen systematisch eingeschränkt. Umgekehrt trägt das Schulsystem dazu bei, dass Mädchen weiterhin lernen, für ihre Artigkeit belohnt zu werden, nicht für ihr fachliches Können.