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Abstract :
[de] Erinnern und Vergessen wurden in der Regel im Zusammenhang diskutiert, da sie dialektisch miteinander verwoben sind. Harald Weinrich beschrieb in seinem Band „Lethe: Kunst und Kritik des Vergessens“ (1997) die lange und facettenreiche Kulturgeschichte des Vergessens. Dabei ging es unter anderem um Annahmen, die nahelegen, dass Neues nur durch Vergessen entstehen und dass vor allem das Speichern Vergessen fördern und ermöglichen könne. Vergessen, so Weinrich, wurde oft mit Befreiung und dem Abwerfen von Ballast in Verbindung gebracht, aber es gab und gibt auch eine berechtigte Kritik des Vergessens (vgl. Weinrich 1997, S. 263 ff.). Vergessen hieß häufig auch Ablehnung von Verantwortung und dies vor allem dann, wenn die Verbindung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und antizipierter Zukunft durch problematische Ereignisse wie Kriege, Pandemien und Klimakatastrophen unterbrochen wurde und nicht mehr als Fortsetzung historischen Fortschritts wahrgenommen werden konnte. In Bezug auf die Folgen des Zweiten Weltkriegs hat W. G. Sebald in seinen Züricher Vorlesungen (1997) nicht zufällig darauf verwiesen, dass sich die deutschen Intellektuellen nach 1945 unausgesprochen darüber einig waren über die durch den Krieg hervorgerufene moralische und materielle Zerstörung zu schweigen – und das hieß auch die Vergangenheit als Bürde und Warnsignal zu ignorieren (vgl. dazu z.B. Brand 2000).
Sebald sprach deshalb von einer Kultur der Amnesie, die offensichtlich inzwischen auch auf unseren Umgang mit der COVID-19 Krise zutrifft (vgl. Sebald 1999; Schütte 2020). Auch diese Krise wurde als traumatisch empfunden und forderte rund um den Globus massenhaft Todesopfer. Und auch in diesem Fall schien unausgesprochen die Vereinbarung zu gelten, das Geschehene (zumindest im Alltäglichen) zu vergessen. Damit einher ging ein starker Wunsch nach der Wiedergewinnung des Vertrauten bzw. ein Bedürfnis stabilisierende Normalität(en) zu (re)etablieren (vgl. Beier et al. 2024). Das war am Beginn dieser Krise nicht absehbar. Denn die COVID-19 Pandemie regte nicht nur zum historischen Rückblick auf lang zurückliegende globale Gesundheitskrisen an (wie z. B. die Pest und die sogenannte Spanische Grippe), sondern erzeugte auch das starke Bedürfnis, die als außergewöhnlich erlebte Gegenwart zu dokumentieren und zu speichern.
Gleich zu Beginn der COVID-19 Pandemie haben Museen, Archive und Universitäten weltweit digitale Archive und Erinnerungs-Plattformen gegründet und die Öffentlichkeit dazu aufgefordert eigene Erfahrungen und Erlebnisse digital aufzuzeichnen und in digitale Datenbanken hochzuladen (Priem/Grosvenor 2022). In diesem Beitrag werde ich die Erinnerungskultur der COVID-19 Krise untersuchen und dabei die These vertreten, dass die massenhafte digitale Speicherung des Erlebten und die Erfahrung, einen historischen Bruch zu durchleben, Vergessen ermöglicht hat und (unbeabsichtigt) legitimieren konnte.