Karl Philipp Moritz; Anton Reiser; Guckkasten; Rahmenschau; Autonomieästhetik; Außenseiter
Abstract :
[de] Im Erleben seines Romanhelden Anton Reiser hat Karl Philipp Moritz die erkenntnistheoretischen Grundlagen für jene Syntheseverfahren präzise nachgezeichnet, die aus der Einzelbiografie das literarische Werk hervorgehen lassen. Der Artikel zeigt, inwiefern die dem Roman eingeschriebene Poetik des Guckkastens in Verbindung mit dem Außenseitertum des Protagonisten steht: Sie geht auf jene Insel- und Gehäuseschemata zurück, in denen der Jugendliche seine Umwelt erlebt. Bei Spaziergängen auf dem Stadtwall lernt er, seinen Gesichtskreis zu weiten und das optische Überblickserlebnis auf die eigene Lebensbetrachtung rückanzuwenden. Erkennbar wird zum einen, dass Moritz den von ihm maßgeblich geprägten Begriff ästhetischer Autonomie romanintern aus einer Desintegrationserfahrung herleitet, zum anderen, dass sich ein ästhetischer wie biographischer Realismus mit der klassizistischen Forderung einer Einheit von Teil und Ganzem nicht widerspruchsfrei verbinden lässt.