Keywords :
otherness, religious conflicts, alterity, Konrad Fleck, Flore and Blanscheflur
Abstract :
[de] Konzepte der Bewusstseinsphilosophie (z.B. Descartes) sehen den Ausgangspunkt menschlicher Selbst- und Welterfahrung im 'Ich' und verstehen das Andere zugleich als abgegrenzte und abgrenzbare Entität. Diese Perspektivierung von Welt scheinen auch jene Erzählsituationen widerzuspiegeln, in denen ein fremder Ritter an die Grenze des Artusreichs gelangt, die Heidenkönigin Gyburg in die christliche Welt
Willehalms eindringt oder König Rother sich eine oströmische Königstochter übers Meer herbeischiffen lässt. Profiliert wird stets eine Begegnung mit dem Fremden, die den Blick von der (erzählenden / erzählten) Gesellschaft auf die sich nähernden Anderen richtet. Auch wenn jeweils divergierende Formen der Fremdwahrnehmung (feindlich, tolerant, …) thematisiert werden, die Blickrichtung bleibt gleich, das
Eigene bleibt fester Standort, das Fremde bewegt sich im Verhältnis dazu. Im mittelhochdeutschen Liebes- und Abenteuerroman Flore und Blanscheflur (um 1220) ist dies nicht der Fall: der Text erweist sich als bemerkenswert anders, wenn er in 'verkehrter' Perspektive das Eigene auf die andere Seite der Grenze stellt. Nach dem gewaltsamen Vorgehen der Heiden gegenüber einer Pilgergruppe wird die namenlose christliche Sklavin ins Heidenland verschifft, wo sie wenig später eine Tochter (Blanscheflur) gebiert, die ihrerseits bald des Landes verwiesen und zudem in der Fremde in einem Turm in Gefangenschaft genommen wird. Integration, die zunächst noch möglich scheint (die Sklavin darf ihre Religion praktizieren, ihre Sprache sprechen, Blanscheflur erfährt Bildung, besucht mit Flore die Schule), wird dann zum Problem, wenn
(individuelle) (Macht-)Interessen (des Königs) in Gefahr geraten. Der Exklusionsmechanismus, der sich dann kettenartig und unaufhaltsam anschließt, um das jeweils Eigene (der Fremden) zu behaupten, ist rigoros, absolut und lässt den König vor nichts zurückschrecken. Der Beitrag geht der Frage nach, wie es im Floreroman gelingt, das Ausgegrenzt-Sein des Eigenen zu erzählen: Was ist damit gewonnen das Eigene 'falsch' zu verorten und den 'Störfall' zum 'Richtigen' zu
machen? Wie ist das Fremd-Sein auf der anderen Seite der Meere codiert? Wie werden Mechanismen der Inklusion- bzw. Exklusion legitimiert und bewertet? Ziel soll es sein, den Floreroman als frühes Textbeispiel zu diskutieren, das „Konflikte der Abgrenzung“
(CfP) in physischer (Verschiffung) und ideologischer (Herrschaft) Form zum Gegenstand macht, indem das Eigene in die Fremde versetzt wird.