References of "Bollig, Sabine 50000954"
     in
Bookmark and Share    
Full Text
See detail‚Individuelle Entwicklung‘ als familiales Projekt. Zur Normativität von Normalisierungspraktiken in kindermedizinischen Früherkennungsuntersuchungen
Bollig, Sabine UL

in Kelle, Helga; Mierendorff, Johanna (Eds.) Normierung und Normalisierung der Kindheit (2013)

Detailed reference viewed: 123 (8 UL)
See detailDie Aufführung des Beobachtens. Eine praxisanalytische Skizze zu den Praktiken des Beobachtens in Kindertageseinrichtungen.
Bollig, Sabine UL; Schulz, Marc

in Müller-Hebenstreit, Sabine; Müller, Burkhardt (Eds.) Beobachten in der Frühpädagogik. Praxis - Forschung - Kamera (2012)

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit den Praktiken des Beobachtens und Dokumentierens kindlicher Bildungsprozesse in Kindertageseinrichtungen. Ausgangspunkt ist die Tatsache, dass in der vorherrschenden ... [more ▼]

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit den Praktiken des Beobachtens und Dokumentierens kindlicher Bildungsprozesse in Kindertageseinrichtungen. Ausgangspunkt ist die Tatsache, dass in der vorherrschenden Forschungs- und Ratgeberliteratur zu Beobachtung und Dokumentation in Kitas diese Arbeitsformen überwiegend bildungstheoretisch und weniger beobachtungstheoretisch begründet werden. Entsprechend wird den Prozessen des Beobachtens und Dokumentierens vor allem im Hinblick auf ihren Output, nämlich ihrem Beitrag zu einer individuell ausgerichteten Bildungsarbeit, Aufmerksamkeit gewidmet. Wie jedoch die Beobachtungen der PädagogInnen vor Ort vollzogen und in pädagogische Reflexion und Planung überführt werden und welche unterschiedlichen Praktiken und Materialien eingesetzt werden, um diese schrittweise Transformation von Beobachtung in Planung zu vollziehen, ist bisher kaum Gegenstand der Fachdiskussion oder empirischer Analysen geworden. Studien aus dem Umfeld der „Social Studies of Work“ (Bergmann 2006, Heath/Knoblauch/Luff 2000) haben jedoch herausgearbeitet, dass neue Verfahren und Methoden in der beruflicher Praxis nicht einfach nur angewendet oder ‚implementiert’, sondern vor Ort modifiziert und dadurch ‚brauchbar’ gemacht werden müssen, um die ihnen eingeschriebenen Technologien auch entfalten zu können. Neue Instrumente, Methoden und Verfahren verändern entsprechend nicht nur einfach die Praxis, sondern erfahren in ihrem ‚Praktiziertwerden’ vielfache Umdeutungen und Anpassungen und beweisen ihre Praktikabilität dann als „ein in der Performanz realisiertes spezifisches Werkzeug für einen Zweck in einem konkreten Kontext“ (Rammert 1999). In Anlehnung an diese Forschungsperspektive befragen wir den Beobachtungsalltag von Kindertageseinrichtungen auf genau dieses ‚Praktiziertwerden‘ des Beobachtungskreislaufes. Die im Filmmaterial von Mohn/Hebenstreit-Müller (2007) dokumentierten Praktiken des Beobachtens in einer Berliner Kita rekonstruieren wir entsprechend als ‚Praktiken des Brauchbarmachens’. Wir fokussieren, nach einer knappen theoretischen Rahmung (vgl. 2.), zwei videographierte Szenen (vgl. 3.1), die für die Praxis der schrittweisen Überführung von den Beobachtungen einer Erzieherin in eine im Team abgestimmte Aktivität einen besonderen Passagepunkt darstellen – die Verlesung von Beobachtungsprotokollen innerhalb der Teamsitzung (Mohn/Hebenstreit-Müller 2007, Minute 50:50 bis 53:00). Diese Szenen eignen sich besonders gut, um unser Plädoyer für die Erforschung der Praktiken des Beobachtens und Dokumentierens zu unterstützen, da – wie die folgende Analyse aufzeigt – der praktische Sinn des Verlesens von Beobachtungsprotokollen in den Teamsitzungen nicht einfach nur einer Pragmatik der Informationsübermittlung folgt. Vielmehr zeigt unsere, hier nur knapp skizzierte, Praxisanalyse des Vorlesens, dass dabei eine Ästhetisierung des Beobachtungsprotokolls vollzogen wird. Diese erbringt nicht nur in Bezug auf die Transformation von individueller Beobachtung in eine gemeinsame Interpretationsaktivität eine spezifische Leistung (vgl. 3.2 und 3.3), sondern auch für das Prozessieren von Beobachtungsdokumenten innerhalb des Beobachtungskreislaufes (vgl. 3.4). Abschließend bündeln wir unsere Hinweise und beziehen sie auf die aktuellen frühpädagogischen Professionalisierungsbestreben (vgl. 4.). [less ▲]

Detailed reference viewed: 381 (0 UL)
Full Text
See detailVergleichen und Kontrastieren. Zur analytischen Konstruktion von Feldern und Vergleichsobjekten in der ethnographischen Forschung.
Bollig, Sabine UL; Kelle, Helga

in Friebertshäuser, Barbara; Kelle, Helga; Boller, Heike (Eds.) et al Feld und Theorie. Herausforderungen erziehungswisssenschaftlicher Ethnographie (2012)

Die Potentiale und Probleme vergleichender Untersuchungsanlagen werden in diesem Beitrag sowohl an konzeptionellen Überlegungen zu vergleichenden Methodologien als auch am Beispiel eines kürzlich ... [more ▼]

Die Potentiale und Probleme vergleichender Untersuchungsanlagen werden in diesem Beitrag sowohl an konzeptionellen Überlegungen zu vergleichenden Methodologien als auch am Beispiel eines kürzlich abgeschlossenen ethnographischen Forschungsprojekts aufgezeigt. Wir gehen in unserer Argumentation von einer doppelten Kodierung des Vergleichens in der qualitativen Forschung aus, nämlich sowohl eine Strategie der Darstellung systematischer Gemeinsamkeiten und Differenzen zwischen verschiedenen Feldern, Fällen oder Typen zu sein, als auch eine Strategie der empirischen Begründung theoretischer Konzepte. Gerade diese doppelte Kodierung des Vergleichens sollte u.E. dafür genutzt werden, ‚dichte’ Vergleiche zu produzieren, das heißt in vergleichenden ethnographischen Untersuchungsanlagen nicht lediglich auf die Systematisierung von Gemeinsamkeiten und Differenzen abzuzielen, sondern die analytische Produktion von Vergleichbarkeit selbst (und deren Grenzen) zu fokussieren. Als analytische Strategie vermittelt ethnographisch ‚dichtes’ Vergleichen die Operationen des Vergleichens und Kontrastierens. Diese Strategie zeigt sich in Bezug auf unsere Forschungsfelder – zwei strukturdifferente Formen der medizinischen Entwicklungsdiagnostik in Deutschland – auch mit der Arbeit an differenten Feldkonstruktionen verknüpft. [less ▲]

Detailed reference viewed: 213 (6 UL)
Full Text
Peer Reviewed
See detailDie Erfahrung des Außerordentlichen. Fremdheit/Vertrautheit als methodisches Differential einer Ethnographie pädagogischer Ordnungen
Bollig, Sabine UL; Neumann, Sascha UL

in Zeitschrift für Qualitative Forschung (2012), 12(2/2011),

This contribution focuses on the significance of ethnographic research strategies in educational sciences towards an empirical analysis of pedagogical orders. This issue will be reflected on in the ... [more ▼]

This contribution focuses on the significance of ethnographic research strategies in educational sciences towards an empirical analysis of pedagogical orders. This issue will be reflected on in the horizon of the leading methodological differentiation between strangeness and familiarity, which plays a dominant role in the reflection of educational ethnographic research strategies. In light of this, three different motives of strangeness in educational ethnography will be distinguished in the recent methodological debate in educational ethnography. Against the backdrop of the limitations and delimitations of these motives, the contribution attempts to develop a concept of strangeness which allows – in strategic terms – to explore orders in their pedagogical dimension. Regarding to Waldenfels conception of strangeness and Bourdieus theory of field the motive of Estrangement (Verfremdung) is detailed to specify the ethnographic account to pedagogical orders. Thus, the specific contribution of ethnographic strategies to an empirical reconstruction of pedagogical orders has to be seen in the epistemological role of the field researcher in ethnographic research. [less ▲]

Detailed reference viewed: 95 (9 UL)
Full Text
Peer Reviewed
See detail(Erziehungs-)Objekte beim Kinderarzt. Zur Materialität von Erziehung in Kindervorsorgeuntersuchungen.
Bollig, Sabine UL; Kelle, Helga; Seehaus, Rhea

in Zeitschrift fur Pädagogik. Beiheft (2012), 58

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Medizin und Familie in Hinblick auf die Verteilung präventiver Aufgaben am Kinderkörper und die Frage, wie diese Verteilung im Zusammenspiel von ... [more ▼]

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Medizin und Familie in Hinblick auf die Verteilung präventiver Aufgaben am Kinderkörper und die Frage, wie diese Verteilung im Zusammenspiel von Programmen, Instrumenten und Praktiken geleistet wird. Wir präsentieren dazu eine Praxisanalyse von Kinderuntersuchungsheften. Wir fragen danach, welche Handlungsprogramme ihnen auf der Ebene der Dokumente eingeschrieben sind und wie sich diese in den situierten Praktiken ihres Gebrauchs verschieben – und wie die Hefte erst in diesen Prozessen der Translation die je lokale Praxis der Vorsorgen instrumentieren. Im zweiten Abschnitt beziehen wir uns für die Grundlegung unseres Forschungsansatzes zunächst auf theoretische Verhältnisbestimmungen von (diagnostischen) Artefakten und Praktiken, und zwar im Kontext der historischen Forschung (2.1) und der Actor-Network-Theory (2.2). Im dritten Abschnitt verdichten wir Ergebnisse unserer Dokumentenanalysen von Untersuchungsheften aus Deutschland, Österreich und England (3.1). Wir analysieren dann einen kurzen Ausschnitt aus einer Vorsorgeuntersuchung in Deutschland und zeigen, wie sich die Programmatik in der Praxis verschiebt und wie die Untersuchungshefte als ‚Erziehungsobjekte‘ die Konzipierung elterlicher Aufgaben praktisch instrumentieren (3.2). Im Fazit (4.) reflektieren wir die dokumenten- und praxisanalytischen Ergebnisse im Kontext. [less ▲]

Detailed reference viewed: 57 (2 UL)
See detailFeld und Theorie. Herausforderungen erziehungswissenschaftlicher Ethnographie
Friebertshäuser, Barbara; Kelle, Helga; Boller, Heike et al

Book published by Barbara Budrich Verlag (2012)

Detailed reference viewed: 198 (2 UL)
See detailNotizen machen, Bögen ausfüllen, Geschichten schreiben. Analytische Perspektiven auf die materialen Praktiken der bildungsbezogenen Beobachtung von Kindern im Elementarbereich
Bollig, Sabine UL

in Cloos, Peter; Schulz, Marc (Eds.) Kindliches Tun beobachten und dokumentieren. Perspektiven auf die Bildungsbegleitung in Kindertageseinrichtungen, 1 (2011)

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit praxisanalytischen Perspektiven auf die prozessorientierte Beobachtung und Dokumentation von kindlichen Bildungsaktivitäten in Kindertageseinrichtungen. Diese ... [more ▼]

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit praxisanalytischen Perspektiven auf die prozessorientierte Beobachtung und Dokumentation von kindlichen Bildungsaktivitäten in Kindertageseinrichtungen. Diese prozessorientierten Beobachtungsverfahren basieren im Wesentlichen darauf, dass die Aktivitäten der Kinder durch das pädagogische Personal beobachtet und detailliert protokolliert werden, um aus diesen Niederschriften tiefergehende Einblicke in die individuellen Bildungsaktivitäten und -themen der Kinder zu erschließen, welche dann in individuell zugeschnittene Angebote der Bildungsbegleitung münden (vgl. Laewen/Andres 2000, Schaefer/Staege 2010). Obwohl der schriftlichen Dokumentation der beobachteten Bildungsaktivitäten ein zentraler Stellenwert für die Etablierung einer ‚forschenden Haltung’ der pädagogischen Fachkräfte beigemessen wird, fehlt es derzeit an Forschungsarbeiten, die den eigenständigen Stellenwert des Dokumentierens für die Beobachtungsaktivitäten der pädagogische Fachkräfte in den Blick nehmen. Dieses Desiderat ist eng mit der zumeist bildungstheoretischen Begründung von Beobachtungsverfahren verknüpft, die die Beobachtungstätigkeit selbst als einen subjektiven Erkenntnis- und Lernprozess konzipieren. Daher werden in den wenigen empirischen Rekonstruktionen zu den von Erziehern gemachten Notizen, ausgefüllten Beobachtungsbögen und geschriebenen Geschichten, diese vor allem auch als Repräsentationen der Beobachtungstätigkeit behandelt, welche die Qualifizierungsprozesse des pädagogischen Personals freilegen (ex. Steudel 2008) und durch die man somit wie durch „Fensterscheiben“ (Wolff 2000, S. 504) auf die inneren Vorgänge in den Beobachtern selbst blicken kann. Demgegenüber mache ich mich im Folgenden für einen Forschungszugang stark, der das Beobachten von dieser engen Bindung an subjektive Erkenntnisprozesse löst und als eine soziale Praxis konzipiert. Die Beobachtung und Dokumentation kindlicher Bildungsprozesse wird darüber als eine lokale und kollektive Wissenspraxis sichtbar, in der sich institutionelle Anforderungen, praktische Problemstellungen und soziale wie materiale Ressourcen miteinander vermitteln. Die diversen Formen der Dokumentation können dann in ihrem konstitutiven, und nicht lediglich repräsentierenden Beitrag für das Beobachten in Kitas erschlossen werden. Um ein solches Forschungsprogramm zu plausibilisieren, stelle ich in einem ersten Schritt die bildungstheoretische Begründung des Beobachtens in den frühpädagogischen Programmatiken zum Beobachten und Dokumentieren in Kindertageseinrichtungen heraus (1). Von diesem Modell der Beobachtungstätigkeiten, die eng an das Konzept von Erkenntnissubjekten gebunden ist, grenze ich meine Überlegungen zu einer praxisanalytischen Grundlegung eines Beobachtungsbegriffes ab. Ich stelle Grundannahmen von Praxistheorien vor, mit deren Hilfe ein methodologischer Begriff von Beobachtung und Dokumentation gewonnen werden kann, der diese als ‚verteilte Praktiken’ erschließt (2). In einem letzten Schritt entwickele ich analytische Zugänge zur Frage, wie sich die Wissenspraktiken des Beobachtens und Dokumentieren vor allem mit Blick auf die an diesen Praktiken beteiligten Medien und Objekte erschließen lassen. Ich stelle mit den Praktiken des Schreibens und (Vor-)lesens, des Dokumentierens und des Instrumentierens drei mögliche Themen der Praxisanalyse von Beobachtungstätigkeiten vor, die ihren Ausgang von den eigenständigen Potentialen von Schrift und Schriftdokumenten nehmen (3). In einem Fazit zeige ich die Anschlüsse einer solchen analytischen Perspektive für feld- oder professionstheoretische Forschungsfragen zur Beobachtung in Kindertageseinrichtungen auf. [less ▲]

Detailed reference viewed: 218 (0 UL)
See detailDie Eigenzeiten der Entwicklung(sdiagnostik)
Bollig, Sabine UL

in Kelle, Helga (Ed.) Kinder unter Beobachtung (2010)

Die international zu beobachtende Ausweitung früherkennender und -fördernder Maßnahmen im Kindesalter ist von einer breiten Diskussion um die angemessene Erfassung von Entwicklungsprozessen begleitet (für ... [more ▼]

Die international zu beobachtende Ausweitung früherkennender und -fördernder Maßnahmen im Kindesalter ist von einer breiten Diskussion um die angemessene Erfassung von Entwicklungsprozessen begleitet (für einen Überblick Kelle 2009). Dabei spielt auch die Frage nach der spezifischen Zeitlichkeit von Entwicklungsprozessen eine Rolle. Insbesondere in Bezug auf die vermehrt eingesetzten Entwicklungstests und -screenings wird diskutiert, ob Entwicklungsprozesse mittels einer punktuellen Ermittlung des Entwicklungsstatus überhaupt angemessen zu erfassen seien, oder ob Entwicklung als Prozess nicht auch eine zeitlich gestreckte Beobachtungstätigkeit erfordere. Kritisch wird gegen statusbezogene Tests eingewandt, dass diese der individuellen Variabilität von Entwicklungsprozessen nicht gerecht würden, denn Entwicklungstests, so Reuner & Pietz (2006), müssten von einem regelhaften, nicht umkehrbaren Ablauf von Entwicklungsschritten ausgehen, um überhaupt valide messen zu können (ebd.: 306). Dies würde jedoch neueren Ansätzen der Entwicklungspsychologie/- pädiatrie nicht gerecht, die mittels empirischer Langzeitstudien nachweisen, dass gerade Variabilität „als besonders verlässliches Charakteristikum der kindlichen normalen Entwicklung“ (Michaelis/Niemann 1999: 47) zu gelten habe. Normale Entwicklungsprozesse seien von varianten Abfolgen, individuellem Tempo, kurzfristigen Rückschritten und inkonsistenten Verläufen geprägt; daher dürften entwicklungsdiagnostische Verfahren nicht lediglich prüfen, ob altersbasierte Entwicklungsnormen erfüllt werden. Sie müssten sich auch methodisch an der Individualität, Variabilität und Inkonsistenz normaler Entwicklungsverläufe orientieren. Da in der an variablen Verläufen orientierten Entwicklungsdiagnostik individuelle Ausprägungen primär über zeitliche Begriffe (vorher/nachher/gleichzeitig, schnell/langsam, kontinuierlich/diskontinuierlich, sukzessiv/regressiv) aufgebaut werden, geraten nicht nur statische Entwicklungsmodelle, sondern auch die ihnen zugrunde liegenden Auffassungen von Zeit in die Kritik (Koops 2005, Flammer 2005). So fordert Seitz (2004), dass eine individuell orientierte Entwicklungsdiagnostik auf konstruktivistische Zeitkonzepte – wie zum Beispiel von Maturana (1997) vorgeschlagen – umzustellen habe. Erst dadurch sei Entwicklung nicht mehr als der übliche, geradlinig von unten nach oben verlaufender Prozess zu verstehen, sondern „als eine mehrdimensionale Struktur mit zeitlichen Zuspitzungen, Pausen und Beschleunigungen“ (Seitz 2004:157). Eine „entwicklungslogische Diagnostik und Didaktik“ (ebd., in Anlehnung an Feuser 1989) nehme daher ihren Ausgang in der Vielfalt von „interpersonellen Entwicklungszeiten“ (ebd.), die mittels eines solchen nicht-linearen Zeitbegriffs sichtbar werde. Diesem hier knapp skizzierten Zusammenhang von Zeitkonzepten, Entwicklungsmodellen und -normen ist auch der folgende Beitrag gewidmet. Allerdings folgt er nicht der in den aufgezeigten Positionen mitgeführten Vorstellung, dass es kognitive Konzeptionen von Zeit oder Entwicklung sind, welche entwicklungsdiagnostische Prozeduren maßgeblich anleiten. Vielmehr wird aus kultur- und praxisanalytischer Perspektive davon ausgegangen, dass die entwicklungsdiagnostische Praxis ihre Beurteilungsressourcen weit mehr aus den Darstellungen von Entwicklung selbst bezieht, wie sie in den konkreten Praktiken der Entwicklungsdiagnostik in situ realisiert werden. Reuner & Pietz (2006) weisen mit der oben genannten Kritik an Entwicklungstests ja bereits daraufhin, dass entwicklungsdiagnostischen Methoden bestimmte Konstruktionen ihres Gegenstandes inhärent sind: Sie messen nicht nur Entwicklungsleistungen, sondern sie modellieren diese in einer bestimmen Weise, um sie überhaupt erfassen zu können. Dies trifft auch auf Tests und Screenings zu, die in den Vorsorge- und Schuleingangsuntersuchungen eingesetzt werden. Jedoch werden diese auch dort nicht einfach nur angewandt, sondern in sehr spezifischer Weise für den lokalen Kontext brauchbar gemacht (Bollig 2008, Stoklas/Schweda i.d.B.). Zudem wird entwicklungsdiagnostisches Wissen in den Kinderuntersuchungen vor allem über informelle Methoden und Routinen des medizinischen Personals erarbeitet. Entsprechend ist die Einsicht in die Gegenstandskonstruktivität von Entwicklungstests auch auf die weitere Praxis der Entwicklungsdiagnostik auszudehnen. Dann stellt sich die Frage, welche praktischen Konzepte von Zeit und Entwicklung wie in entwicklungsdiagnostische Praktiken eingelagert sind, oder anders formuliert: wie entwicklungsdiagnostische Praktiken ihr „Wissensobjekt“ formen. Analytisch lässt sich mit einem solchen Blick auf die Verwobenheit der Praktiken der Entwicklungsdiagnostik mit ihrem Gegenstand das Verhältnis von Ursache und Wirkung umdrehen: Medizinische Beobachtungen der Entwicklungsprozesse von Kindern folgen nicht der Eigenzeitlichkeit der körperlichen, kognitiven und sozialen Entwicklung des Kindes (oder verfehlen sie), vielmehr bringen die entwicklungsdiagnostischen Praktiken diese Eigenzeitlichkeit erst als soziale Tatsache hervor. Dieser praxisanalytischen Wendung folgend ist dem vorliegenden Beitrag ein Begriff von Entwicklung zugrunde gelegt, der Entwicklung nicht als ein von den Orten ihrer Beobachtung und Bearbeitung unabhängiges Wesensmerkmal von Kindern konzipiert, sondern als eine sozio-materiale Realität, die in den lokalen Praktiken der Entwicklungsdiagnostik situativ entfaltet wird. Insofern also Entwicklung in konkreten Situationen nur ‚real’ ist, als sie Teil von Praktiken – zum Beispiel denen ihrer Beobachtung – ist, gilt es diese situative Hervorbringung von Entwicklungsphänomenen in ihrem ‚Praktiziert- Werden’ zu rekonstruieren. Entsprechend verfolgt die hier vorgelegte ethnographische Studie das Ziel, die praktizierten ‚einheimischen Entwicklungsbegriffe’ der Kindervorsorge- und Schuleingangsuntersuchungen in ihrem lokalen Kontext zu erschließen –, „never isolate these from the practices in which they are, what one may call, enacted. She [the ethnographer, SB] stubbornly takes notice of the techniques that make things visible, audible, tangible, knowable” (Mol 2007: 33). Dazu wird in einem ersten Schritt in Konzepte und Methoden der ethnographischen Untersuchung eingeführt (1.) und anschließend das spezielle Zeitproblem herausgearbeitet, das sich in den Vorsorge- und Schuleingangsuntersuchungen in der Spannung von risikosensibler Früherkennung und individualisierender Entwicklungsdiagnostik aufbaut (2.). Ausgehend von einem Beispiel aus einer Vorsorgeuntersuchung wird aufgezeigt, in welchen Zeitdimensionen und mittels welcher Zeitpraktiken in der Durchführung der Untersuchungen, Entwicklungsphänome dargestellt und Entwicklungsnormen (re)produziert werden (3.). Wie in den praktizierten Zeitordnungen der beiden Untersuchungsformen die Spannung zwischen normorientierter Früherkennung und individualisierender Beurteilung bearbeitet wird, zeigt eine vergleichende Analyse der zeitlichen Formierung der Untersuchungsprogramme von Vorsorge- und Schuleingangsuntersuchungen auf (4.). Abschließend wird skizziert, in welcher Weise die auf dieser Ebene relevanten und praktizierten Alters- und Lebenslaufkonzepte auf die ‚einheimischen Entwicklungsbegriffe’ von Kindervorsorge- und Schuleingangsuntersuchungen verweisen (5.). [less ▲]

Detailed reference viewed: 123 (1 UL)
Full Text
Peer Reviewed
See detailDie Ordnung der Familie als Präventionsressource. Informelle Entwicklungsdiagnostik in Vorsorge- und Schuleingangsuntersuchungen am Beispiel kindlicher Fernsehnutzung.
Bollig, Sabine UL; Tervooren, Anja

in Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation = Journal for Sociology of Education and Socialization (2009), 29(2), 157-174

The paper emphasizes the importance of informal diagnostic procedures in routine paediatric and medical school entry check-ups (Kindervorsorge- und Einschulungsuntersuchungen) from the perspective of ... [more ▼]

The paper emphasizes the importance of informal diagnostic procedures in routine paediatric and medical school entry check-ups (Kindervorsorge- und Einschulungsuntersuchungen) from the perspective of cultural analysis. Analysing the ethnographic data we demonstrate how diagnostic knowledge is built up in the course of interaction between paediatrician, parent, and child and which effects appear. The empirical analysis focuses on the paediatrician’s investigation into the child habits of watching television. This informal element of the physician’s diagnosis is specifically suitable to show how the paediatrician assesses the family’s lifestyle and its educational potential and how he uses this information to diagnose the need for prevention. We will argue that the interactive transformation of the focus of medical observation and treatment from “children” to “parents and children” – that means to the relationship between generations –, points out the dependency on the context and institutional logic in constructing diagnostic knowledge regarding developmental processes of children. It is shown as well in which way societal expectations on the generational relations in families are shaped in these preventive examinations of development. [less ▲]

Detailed reference viewed: 102 (2 UL)
See detailFrüherkennung und Prävention von Entwicklungsstörungen. Medizinisierung und Pädagogisierung der frühen Kindheit aus praxisanalytischer Perspektive.
Bollig, Sabine UL; Kelle, Helga

in Behnisch, Michael; Winkler, Michael (Eds.) Soziale Arbeit und Naturwissenschaft. Einflüsse, Diskurse, Perspektiven (2009)

Detailed reference viewed: 90 (0 UL)
See detailHybride Praktiken. Methodologische Überlegungen zu einer erziehungswissenschaftlichen Ethnographie kindermedizinischer Vorsorgeuntersuchungen.
Bollig, Sabine UL; Kelle, Helga

in Hünersdorf, Bettina; Maeder, Christoph; Müller, Burkhard (Eds.) Ethnographie und Erziehungswissenschaft. Methodologische Reflexionen und empirische Annäherungen (2008)

Dieser Beitrag ist methodologischen Fragen nach dem Verhältnis von Ethnographie und Pädagogik gewidmet. Anhand eines empirischen Beispiels aus dem Forschungsprojekt „Kinderkörper in der Praxis“ wird für ... [more ▼]

Dieser Beitrag ist methodologischen Fragen nach dem Verhältnis von Ethnographie und Pädagogik gewidmet. Anhand eines empirischen Beispiels aus dem Forschungsprojekt „Kinderkörper in der Praxis“ wird für einen wissenssoziologisch informierten und praxisanalytisch orientierten Ansatz erziehungswissenschaftlicher Ethnographie plädiert, der sich nicht vorrangig über – ihrem Selbstverständnis nach – pädagogische Handlungsfelder definiert. Vielmehr versteht dieser Ansatz den Begriff des „Feldes“ im Sin-ne einer reflexiven Anthropologie auch und zunächst als einen rekursiven „Modus der Objektkonstruktion“ (Bourdieu/Wacquant 1996, S. 262). Solch ein heuristischer Feldbegriff in Verbindung mit einem formbezogenen Begriff von Pädagogik als Wissensordnung ermöglicht es, einerseits Konstruktionsbedingungen, Funktionen und Verfahrensweisen pädagogischer Praxisformen in vielfältigen Kontexten empirisch zu explorieren und gleichzeitig die je gewählten Forschungsfelder nicht vorgängig durch eine Fokussierung der Fragen auf „das Pädagogische“ weiter künstlich einzugrenzen. [less ▲]

Detailed reference viewed: 128 (0 UL)
Full Text
See detailEntwicklung auf dem Prüfstand: zum praktischen Management von Normalität in Kindervorsorgeuntersuchungen
Bollig, Sabine UL; Ott, Marion

in Kelle, Helga; Tervooren, Anja (Eds.) Ganz normale Kinder. Heterogenität und Standardisierung kindlicher Entwicklung (2008)

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit der ethnographischen Analyse der Prozessierung von Entwicklungsnormen in medizinischen Kinderuntersuchungen und fokussiert das „praktische Management der Normalität“ ... [more ▼]

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit der ethnographischen Analyse der Prozessierung von Entwicklungsnormen in medizinischen Kinderuntersuchungen und fokussiert das „praktische Management der Normalität“ . Damit formulieren wir einen Arbeitsbegriff, der auf die Darstellungspraxen von differenten Normalitätskonstruktionen und deren Handhabung innerhalb der Durchführung von Kindervorsorgeuntersuchungen verweist. [less ▲]

Detailed reference viewed: 91 (2 UL)
Full Text
Peer Reviewed
See detail'Praktiken der Instrumentierung'. Methodologische und methodische Überlegungen zur ethnografischen Analyse materialer Dokumentationspraktiken in kinderärztlichen Vorsorgeuntersuchungen
Bollig, Sabine UL

in Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation = Journal for Sociology of Education and Socialization (2008), 28(3), 301-315

The article introduces in the object orientated analysis of prevention-practices in pediatric checkups for children (U1-U9) and discusses some aspects of the accountability of material practices. Against ... [more ▼]

The article introduces in the object orientated analysis of prevention-practices in pediatric checkups for children (U1-U9) and discusses some aspects of the accountability of material practices. Against the background of the current criticism about the instruments used in the checkups, this critical debate is shortly presented and brought into an culturanalytical perspective of 'practices of instrumentation'. In case of the relations between documentary practices and documentary objects concerning the prevention-booklet ('Gelbes Vorsorgeheft') the productivity of the object orientated approach of the actor-network-theory (ANT) and two various methodological operationalizations in medicine-sociological ethnographic studies will be outlined and applied to data of the own research. Finally a differentiation of the ethnographic subjects of observation is sketched, which focuses on the 'practical and local work of translation' of the documentary objects and also accesses pathways to an analytical-reflexive combination of methods. [less ▲]

Detailed reference viewed: 180 (1 UL)
Full Text
Peer Reviewed
See detailRezension zu Peter Cloos & Werner Thole (Hrsg.) (2006). Ethnografische Zugänge.
Bollig, Sabine UL

in Forum: Qualitative Sozialforschung = Forum: Qualitative Social Research [FQS] (2008), 9(2), 9

This collected edition includes contributions to "Educational Research in the Context of Ethnography and Biography," which arise from research workshops at the University of Kassel, Germany. In putting ... [more ▼]

This collected edition includes contributions to "Educational Research in the Context of Ethnography and Biography," which arise from research workshops at the University of Kassel, Germany. In putting together this review of 14 articles the editors' purpose was first to demonstrate the variety of ethnographic approaches to educational research, and second to contribute to the methodological debate about ethnography in educational science by reflecting the methods of the different research activities. Unfortunately the individual articles are highly disparate and have sometimes only a vague relationship to ethnography or education. The editors fail to systematically demarcate topics or make use of the fruits of this heterogeneity, so the compilation falls short of what it might have achieved. In spite of some very interesting and innovative individual articles the book on the whole suggests an arbitrary use of the term "ethnography." [less ▲]

Detailed reference viewed: 436 (1 UL)
Full Text
See detailZeigepraktiken: How to do quality with things.
Bollig, Sabine UL

in Honig, Michael-Sebastian; Joos, Magdalena; Schreiber, Norbert (Eds.) Was ist ein guter Kindergarten. Theoretische und empirische Analysen zum Qualitätsbegriff in der Pädagogik. (2004)

Detailed reference viewed: 106 (0 UL)