Reference : Sprachliche Kategorisierung als Grundlage und Problem des Redens über Differenzen
Scientific congresses, symposiums and conference proceedings : Unpublished conference
Arts & humanities : Languages & linguistics
http://hdl.handle.net/10993/18891
Sprachliche Kategorisierung als Grundlage und Problem des Redens über Differenzen
German
[en] Linguistic Categorisation as the Basis and the Problem of Speaking About Differences
Seele, Claudia mailto [University of Luxembourg > Faculty of Language and Literature, Humanities, Arts and Education (FLSHASE) > Integrative Research Unit: Social and Individual Development (INSIDE) >]
31-Mar-2012
Yes
No
International
STaPs (Sprachwissenschaftliche Tagung für Promotionsstudierende)
March 30-31, 2012
University of Luxembourg
Luxembourg
[en] Difference ; Language ; Categorisation ; Ethnography
[de] Mein Vortrag basierte auf meinem Promotionsprojekt im Rahmen der Erziehungswissenschaften an der Universität Luxemburg (2011-2015). Es handelt sich hierbei um eine ethnographische Forschung zum Umgang mit sprachlichen und kulturellen Differenzen in Einrichtungen der frühkindlichen Bildung und Betreuung in Luxemburg. Das Projekt ist interdisziplinär angelegt und umfasst auch soziolinguistische Aspekte, die ich im Rahmen der Tagung präsentiert und zur Diskussion gestellt habe.
Es wurden epistemologische und methodologische Fragen aufgeworfen, wie der Umgang mit Differenz überhaupt erschlossen werden kann, ohne Differenzen dabei immer schon vorauszusetzen und zu ihrer Reifizierung beizutragen. Wie ist es möglich, Praktiken der Differenz-setzung und -bearbeitung kritisch reflexiv zu beobachten und zu beschreiben, wenn dabei doch die eigenen sprachlichen und theoretischen Kategorisierungen immer schon die Beobachtung und Beschreibung anleiten?
Sprachliche ebenso wie kulturelle Diversität wird hier nicht als vorgängige Tatsache behandelt, sondern beruht auf der sozialen Konstruktion, Abgrenzung und auch Bewertung von als unterschiedlich postulierten kategorialen ‚Einheiten‘. Mithilfe der Konzeptualisierung des „doing difference“ (West & Fenstermaker 1995) wird es möglich, in einem ethnomethodologischen Sinn die praktische Hervorbringung von Differenzen in alltäglichen sozialen Interaktionen zu rekonstruieren. Statt einer Fokussierung auf Unterschiede rücken damit die sozialen Praxen der Unterscheidung, deren Ergebnisse sie sind, in den Blick. Diese Praxen sind wiederum selbst zu einem großen Teil sprachlich vermittelt – durch die Benennung von Differenzen werden diese immer wieder relevant gesetzt und die Idee bekräftigt, ihr Dasein und ihre Bedeutung würden der Praxis vorausgehen.
Betrachtet man Sprache allerdings aus einer perspektivisch-pragmatischen Sicht „nicht als Mittel der Abbildung einer außersprachlichen Realität, sondern als ein Realität herstellendes Mittel“ (Hornscheidt 2007, S. 79), folgt daraus, dass die wissenschaftliche Untersuchung dieser sprachlich-praktischen Differenzierungsprozesse immer auch selbst in diese Prozesse involviert ist – ist sie doch unumgänglich sprachlich verfasst. Die Kategorisierungen, Normierungen und Festschreibungen, die eigentlich das Thema bzw. Objekt meiner Forschung sein sollten, prägen auch mein eigenes Begriffsinventar. Von der Erforschung sprachlicher Praxis gehe ich damit über zur Frage der sprachlichen Praxis der Forschung selbst.
Hier zeigten sich theoretische Zugänge der angewandten Soziolinguistik als analytische Werkzeuge, die dabei helfen können, einen verfremdenden, de-ontologisierenden Blick auf die Daten, ihre Kodierung und Interpretation zu ermöglichen. So erlauben zum Beispiel Konzepte wie das der Heteroglossie (Bakhtin 1981), der super-diversen Repertoires (Blommaert 2005) oder des Translanguaging (García 2009) Sprache als eine komplexe soziale Praxis zu betrachten. Dabei wird nicht von einer normativen Idee von Sprache als einem in sich geschlossenen, homogenen System ausgegangen, sondern von der konkreten Praxis der Sprecher als einem dynamischen Prozess, in dem sich verschiedenste linguistische Ressourcen zu einem komplexen Repertoire zusammenfügen.
Des Weiteren wurde Ethnographie als eine besonders reifizierungssensible Forschungsstrategie vorgestellt, die ihren Gegenstand eher langsam umkreist, als ihn vorschnell zu vereindeutigen und die die Komplexität seiner Bedeutungen aus dem situativen und kontextgebundenen Handeln der sozialen Akteure selbst erschließt, statt sie auf vorgefertigte Definitionen zu reduzieren (siehe Diehm et al. 2010). Anhand zweier konkreter Beobachtungsbeispiele konnte schließlich aufgezeigt werden, wie die Erwachsenen und Kinder in der Kindertagesstätte durch ihr Handeln die Grenzen zwischen verschiedenen ‚Sprachen‘ und ihre Zuordnung zu bestimmten kulturellen ‚Identitäten‘ sowie die Festlegung sprachlicher Normen selbst hervorbringen und immer wieder aufs Neue verhandeln.
Referenzen
Bakhtin, Mikhail M. (1981). The Dialogic Imagination. Austin: University of Texas Press.
Blommaert, Jan (2010). The Sociolinguistics of Globalization. Cambridge: Cambridge University Press.
Diehm, Isabell; Kuhn, Melanie & Machold, Claudia (2010). Die Schwierigkeit, ethnische Differenz durch Forschung nicht zu reifizieren: Ethnographie im Kindergarten. In: Friederike Heinzel & Argyro Panagiotopoulou (Hrsg.), Qualitative Bildungsforschung im Elementar- und Primarbereich: Bedingungen und Kontexte kindlicher Lern- und Entwicklungsprozesse (S. 78-92). Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.
Fenstermaker, Sarah & West, Candace (2001). ‘Doing Difference’ revisited: Probleme, Aussichten und Dialoge in der Geschlechterforschung. In: Bettina Heintz (Hrsg.), Geschlechtersoziologie (S. 236-249). Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.
García, Ofelia (2009). Bilingual Education in the 21st Century: A Global Perspective. Malden, MA: Wiley-Blackwell.
Hornscheidt, Antje (2007). Sprachliche Kategorisierung als Grundlage und Problem des Redens über Interdependenzen. Aspekte sprachlicher Normierung und Privilegierung. In: Katherina Walgenbach, Gabriele Dietze, Antje Hornscheidt & Kerstin Palm (Hrsg.), Gender als interdependente Kategorie: Neue Perspektiven auf Intersektionalität, Diversität und Heterogenität (S. 65-105). Opladen & Farmington Hills: Verlag Barbara Budrich.
Researchers ; Students
http://hdl.handle.net/10993/18891

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